ObjektBiografie*22: Ein schmaler Ring mit großer Wirkung

Der Ring von Urszula Wyrwicz – Häftling mit der Nummer 19826 – entstand unter hohem Risiko und in Gemeinsamkeit.

Ring. Foto: Dr. Cordia Schlegelmilch, MGR/SBG V2129 D1

Ring. Foto: Dr. Cordia Schlegelmilch, MGR/SBG V2129 D1

Der schmale Ring von Urszula Wyrwicz wirkt viel zierlicher und gebrechlicher, als ich aufgrund der Fotos angenommen hatte. Durch die gute Bildqualität und Vergrößerung, hatte er einen stabileren Eindruck gemacht. Wenn er vor einem liegt, könnte man meinen, er sei für eine Kindeshand angefertigt worden. Tatsache ist, dass der Ring aus einem Knopf hergestellt wurde, sodass er nicht besonders breit werden konnte.

Urszula Wyrwicz fertigte diesen Ring während ihrer Haft im Konzentrationslager Ravensbrück an. Laut der Recherche der Leiterin der Museologischen Dienste der Gedenkstätte Ravensbrück, Sabine Arend, war Urszula Wyrwicz vor ihrer Haft Mitglied im „Verband Bewaffneter Kämpfer“ (Związek Walki Zbrojnej) gewesen, der von den Nazis verfolgten in Polen half. Schon ihr Vater hatte einer jüdischen Familie Unterschlupf gegeben, was in Polen mit der Todesstrafe sanktioniert wurde. Weiter war ihr Onkel in Ausschwitz inhaftiert. Es ist wahrscheinlich, dass die Achtzehnjährige aus einer politisch aktiven Familie stammte. Nach ihrer Verhaftung in Końskie war Urszula Wyrwicz zunächst im Pawiak-Gefängnis in Warschau inhaftiert, bevor sie im Frühjahr 1943 in das Gefängnis Berlin-Alexanderplatz verlegt wurde. Von dort aus wurde sie in das KZ Ravensbrück überführt.

Durch die Solidarität innerhalb der polnischen Lagergemeinschaft und deren Einsatz für den Aufbau des Kommando Kunstgewerbes, gelang es Urszula Wyrwicz dort eine Beschäftigung zu finden. Die ehemalige Insassin Stanisława Schönemann-Łuniewska berichtet, dass dieses durch die Eigeninitiative der polnischen Insassinnen und mittels Bestechung der Aufseherinnen initiiert werden konnte und als Schutzraum vor Schwerstarbeit galt. Von den 150 Häftlingen, die dort arbeiten mussten, waren 120 Polinnen. Ihr Zusammenhalt war groß. Sie galten innerhalb der unterschiedlichen Häftlingsgruppen als beharrliche „Widerstandbewegung“.

Im Kommando Kunstgewerbe lernten die Frauen mit gespendeten Stoffen und weiteren Materialien verschiedenste Produkte anzufertigen: von geflochtenen Pantoffeln bis hin zu privaten Auftragsarbeiten für das Wachpersonal. Doch indem sie die Materialien entwendeten, schufen sie auch illegale Kunst. Ein großer Teil dieser „kleinen Sabotagen“ bestand aus geschnitzten Miniaturen, die sehr detailreich angefertigt waren. Vor allem durch ihre Größe waren sie leicht vor den Augen des Wachpersonals zu verstecken.

Nach der Schließung des Kommandos im Jahr 1943 wurde Urszula Wyrwicz in die Nähwerkstatt versetzt, wo es ihr gelang, den Knopf und das Messer für den Ring zu entwenden. Das Risiko, welches diese Tat mit sich brachte, war beachtlich. Ihre Aufseherin Helene Massar hatte schon bei einer anderen Insassin gezeigt, dass sie keine Gnade für diese Art von Verstößen gegen die Lagerordnung aufbringen konnte. Bei deren Entdeckung hatte sie ihre Miniaturen ins Feuer werfen müssen. Urszula Wyrwiczs Vertraute Urszula Winska erzählt weiterhin: „Es gab viele Sachen, doch es war schwer, sie aus der Näherei bei der wachsamen Aufseherin Helene Massar wegzutragen. Wegen einem kleinen Stückchen Stoff für ein Tuch, das bei einer Holländerin während der Durchsuchung beim Verlassen des Arbeitsplatzes gefunden wurde, ging diese Frau für drei Monate in den Strafblock.“(1) Diesem Risiko setzte sich auch Urszula Wyrwicz aus, als sie die Materialien für den Ring entwendete. Das Strafmaß wurde jedoch willkürlich festgesetzt und konnte geringer oder auch grausamer ausfallen.

Mit den erlangten Werkzeugen konnte nun der Ring geschnitzt werden. Seine leicht unregelmäßige Form verweist auf die einfachen Mittel, die Urszula Wyrwicz zur Verfügung standen. Trotzdem gelang es ihr, die feinen Zahlen ihrer Häftlingsnummer einzuschnitzen. Vorne fällt zudem ein rotes Dreieck mit dem eingeritzten schwarzen Buchstaben „P“ auf, welches den Winkel für politische Häftlinge aus Polen symbolisiert. Es ist offensichtlich aus einem anderen Material hergestellt. Vermutlich wurde er aus einem Zahnbürstenstiel geschnitzt – ein gängiges Material, aus dem im Konzentrationslager Ravensbrück Miniaturen angefertigt wurden.

Mit dem Messer wurden wahrscheinlich zunächst die Kanten geschliffen und die hervorstehenden Zahlen der Häftlingsnummer eingeritzt. Daraufhin hätte das Überflüssige Material darum herum entfernt werden können, sodass die Zahlen hervorstünden. Das Aushöhlen des Innenmaterials kann als kompliziertes Unterfangen bewertet werden, da es viel Fingerspitzengefühl braucht, um das feine Stück Schmuck nicht zu zerbrechen. Es ist wahrscheinlich, dass dies als letztes gemacht wurde, um die Stabilität so lange wie möglich zu erhalten.

Sein Aussehen erinnert an einen Siegelring, der in seiner ursprünglichen Funktion der Versiegelung von Dokumenten dem Adel bzw. der Oberschicht vorbehalten war und ein Identitäts- und Statussymbol darstellt. Unter den Insassinnen war diese Art Siegelring zu einer gängigen künstlerischen Erscheinung geworden. Viele Frauen stellten Ringe mit den Klassifizierungssymbolen der SS her. Welche genauen Gründe Urszula Wyrwicz hatte, lässt sich nicht mehr rekonstruieren. Womöglich nutzte sie ihre Häftlingsnummer als Abgrenzungsmerkmal, als eines der wenigen Dinge, die sie im Terrorsystem des Lagers ihr Eigen nennen konnte. Zwischen all den Häftlingsnummern deutete sie vielleicht ihre eigene Nummer um, um sich dem Unterdrückungssystem zu entziehen oder Personalisierungsstrategie zur Identitätsbildung innerhalb der Lagermauern. Das Dreieck auf dem Ring deutet auf eine Gruppenzugehörigkeit hin, in der sie ihren Platz zu haben schien. Der bereits erwähnte Zusammenhalt der polnischen Insassinnen war für Urszula Wyrwicz wahrscheinlich eine Stütze im Lageralltag.

Ein anderer Grund der Schnitzarbeit der von ihrer Freundin Urszula Winska erwähnt wird, ist die Ablenkung während des Schaffungsprozesses: „Ich mochte diese Augenblicke der Entspannung. Im Kreis anderer Häftlinge auf dem Fußboden sitzend, bastelte ich an einer Kleinigkeit und hörte der Rezitation von Lagergedichten oder dem Erzählen eines Romanes zu. Manchmal sangen wir leise oder erzählten uns Erlebnisse aus dem Leben in der Freiheit. Wir hockten alle auf dem Fußboden, damit uns die vorübergehende Aufseherin durch das Fenster nicht sehen konnte.“ (2)

Bis zum Ende ihrer Haftzeit gelang es Urszula Wyrwicz den Ring bei sich zu behalten. Am 28. April 1945 wurde sie gemeinsam mit anderen Insassinnen in Richtung Röbel nach Nordwesten getrieben, wo sie wenige Tage später von der Roten Armee befreit wurde. Nach ihrer Rückkehr in Warschau, setzte sie ihr Jurastudium fort und wurde Richterin.

Welche Bedeutung der Ring nun für sie hatte ist nicht weitergegeben. 1995 – anlässlich des 50. Jahrestages der Befreiung – besuchte sie das ehemalige Konzentrationslager Ravensbrück und schenkte der Gedenkstätte den Ring, der nun dort aufbewahrt wird.

 

(1) Winska, Urszula (Hg.): Zwycielzyly wartosci: wspomnienia z Ravensbrück, Gdansk 1985 [Die Werte siegten: Erinnerungen an Ravensbrück, unveröffentlichte deutsche Übersetzung in der MGR, S. 432]
(2) ebd., S. 273.

Ring | Ø 2 cm | Knopf (evtl. Horn und vermutlich Kunststoff)| MGR/SBG   V2129a D1

 

Zur Autorin: Alexandra de León, Studentin des Masters Public History an der Freien Universität in Berlin. Sie arbeitet in der Professur für Digital History am Institut für Geschichtswissenschaften der Humboldt-Universität zu Berlin.

 

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