ObjektBiografie*23: Geburtstagskarte für Ervín Černý

Eine nackte Frau mit Bier und Klößen, ein auf dem Wildschwein reitender Ritter und ein Kelch mit einer Schlange. Die Geburtstagskarte für Ervín Černý zeigt, wie wichtig Identitätsbildung im Lager war.

Zeichnung für Ervín Černý, Scan: GUMS/SBG Signatur: 95.00530

Zeichnung für Ervín Černý, Scan: GUMS/SBG Signatur: 95.00530

Zu seinem 29. Geburtstag, am 11. November 1942, erhielt Ervín Černý diese Geburtstagskarte. Gezeichnet wurde die Karte von Josef Dobeš, welcher, wie Černý, in der Schnitzerei des Konzentrationslagers Sachsenhausen tätig war. Die mit Tusche auf Karton gezeichnete Karte zeigt auf der linken Seite eine nackte Frau, die ein Bier und einen Teller mit Klößen in den Händen hält. Auf der rechten Seite ist ein auf einem Wildschwein reitender Ritter zu sehen, welcher von zwei Hunden begleitet wird. Oben rechts befindet sich eine Schlange mit einem Kelch, welche eventuell auf einen Äskulapstab – und damit auf Černýs Medizinstudium anspielt. Auf der unteren Seite der Zeichnung ist eine noch nicht identifizierbare Beschriftung zu erkennen. Außerdem das Datum “11.XI.1942” und vier Unterschriften – eine davon von Dobeš und eine vom belgischen Häftling Hubert Mauquoy (in manchen Quellen auch Mauquois geschrieben), sowie zwei noch nicht identifizierte Signaturen.

Ervín Černý wurde im Rahmen der “Sonderaktion Prag” – der vom nationalsozialistischen Deutschland durchgeführten Zerschlagung des tschechischen Hochschulwesens – zusammen mit etwa 1200 weiteren Studenten festgenommen und in das KZ Sachsenhausen deportiert. Er selbst studierte zu dem Zeitpunkt Medizin in Brno. Im KZ Sachsenhausen wurde Černý, nach mehrmonatiger Quarantäne der tschechischen Studenten, zu schwerer körperlicher Arbeit u.a. im Klinkerwerk eingesetzt. Im “Rollwagenkommado”, mussten er und Mitgefangene mit einem von ihnen gezogenen Wagen schwere Gegenstände transportierten. Nach sechs Monaten Schwerstarbeit wurde er zunächst dem Tischlerkommando und anschließend dem Schnitzerkommando zugeteilt. Am 22.12.1942 wurde er, gemeinsam mit anderen tschechischen Studenten, aus dem KZ entlassen. Da die tschechischen Hochschulen noch geschlossen waren, musste er in einer Schuhfabrik in Třebíč arbeiten. Erst nach  dem Krieg konnte er sein Medizinstudium abschließen. Bis  zu seinem Tode 2001 praktizierte er als Arzt in Prag.

Černýs Leben vor dem Konzentrationslager war im Lager selbst für die Wachmannschaft und Verwalter:innen des KZ irrelevant. Im System der deutschen Konzentrationslager wurden die Gefangenen entindividualisiert: Sie bekamen eine Häftlingsnummer und wurden je nachdem, ob sie politische Gefangene, sogenannte “Asoziale”, Jüd:innen oder einer anderen Gruppe angehörten einer Häftlingskategorie zugeordnet. Auch Ervín Černý bekam eine Nummer und wurde einer Kategorie zugeteilt: Er erhielt die Häftlingsnummer 014253 (nach anderen Angaben 004656 und 014257), und trug  das rote Dreieck mit einem T, das ihn als politischen Häftling aus der Tschechoslowakei auswies.

Zurück zum vorliegenden Objekt: Neben dieser für Černý gestalteten Karte gibt es eine weitere Geburtstagskarte der “Schnitzergilde”, an deren Herstellung Černý beteiligt war. Auf dieser Karte ist augenscheinlich dieselbe Frau abgebildet, ebenfalls mit Bier und Klößen in der Hand, dieses Mal allerdings bekleidet,. Zusammen mit dem Gedicht auf der Rückseite dieser Karte, in der die Sehnsucht nach Knödeln und Bier beschrieben wird, steht die Frau wohl für den Wunsch nach einer reichhaltigen Mahlzeit und – in ihrer nackten Darstellung – auch für den Wunsch nach Erotik.

“Geburtstagskarte von der Schnitzergilde für Ervín Černý”, Scan: GUMS/SBG Signatur: 95.00534

“Geburtstagskarte von der Schnitzergilde für Ervín Černý”, Scan: GUMS/SBG Signatur: 95.00534

Welche Funktion haben Geburtstagskarten für das Leben der Häftlinge im Lager? Weshalb gehen die Häftlinge das Risiko einer Sanktionierung durch die SS ein, um sich gegenseitig mit Zeichnungen und anderen Glückwünschen zu beschenken? Kunst generell, und speziell noch in Verbindung mit dem eigenen Geburtstag, gibt den Gefangenen ein Stück ihrer eigenen Identität außerhalb des Lagers zurück – beziehungsweise bewahrt im System aus Häftlingsnummern und Häftlingskategorien ein Stück der eigenen Identität. Diese Selbstermächtigung kann in Bezug auf den täglichen Überlebenskampf, den die Häftlinge im Konzentrationslager führen, nicht überschätzt werden. Sichtbar beispielsweise im Gedicht auf der Rückseite der “Glückwünsche der Schnitzergilde”, aber auch im vorliegenden Objekt, in dem die Sehnsucht nach Frauen, Alkohol und Knödel durch die, die weibliche Person umgebenden Striche fast wie ein Heiligenschein, wie eine Erscheinung dargestellt werden. Was nicht bedeuten muss, dass Ervín Černý Trost im Glauben fand, viel mehr wird die Frau als noch fern liegendes, allerdings anvisiertes Ziel dargestellt.

Geburtstagskarte von der Schnitzergilde für Ervín Černý, Scan: GUMS/SBG Signatur: 95.00536

Geburtstagskarte von der Schnitzergilde für Ervín Černý, Scan: GUMS/SBG Signatur: 95.00536

Spannend ist hierbei, dass neben der Sehnsucht nach gutem Essen, Alkohol und Sex, die sicherlich nicht auf Ervín Černý und die Zeichner:innen der Karte beschränkt war, auch ganz persönliche Bezüge ihren Platz auf der Geburtstagskarte finden: die im vorangegangenen erwähnte Schlange mit Kelch, die an den Äskulapstab erinnert, lässt sich als zum einen als Rückblick auf das Leben vor dem KZ, als Medizinstudent, deuten, kann sich allerdings aber auch auf ein Leben nach dem Lager – dann als Arzt – beziehen. Noch deutlicher wird dies auf der Geburtstagskarte, die Ervín Černý zu seinem 28. Geburtstag, also ein Jahr vor der hier behandelten Karte, erhielt: Sie zeigt den Mediziner Černý als Arzt nach seinem Studium – und damit auch nach seiner KZ-Gefangenschaft. Mit den beistehenden Versen “Student zu sein, das ist nicht schwer. / Doch Arzt zu werden sehr.” sowie “[f]ür Dich ist der Lebensweg wohl klar / sei immer stark und heiter / Wir halten zu Dir weiter.” wird noch deutlicher, dass Geburtstagskarten im Allgemeinen, sowie diese im Speziellen eine immens wichtige Funktion in Hinblick auf Erhalt des Lebenswillens, sowie Selbstermächtigung ausüben.

 

Geburtstagskarte | Papier, Tusche, Bleistift | 18,5 x 27,6 cm | 11.11.1942 | GuMS/SBG 95.00530

 

Zum Autor: Thomas Köhler studiert Public History an der Freien Universität Berlin. Als freiberuflicher Social-Media-Manager arbeitet er aktuell für das Berliner Exilmuseum.

 

 

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