ObjektBiografie*21: Einige Verse statt Klatschmohn – Ein Poesiealbum zur Erinnerung an eine Freundschaft

Was erzählt eine Grußkarte, ein geschriebener Vers über eine Person? Věra Vacková­- Žahourková, eine ehemalige tschechische politische Gefangene, hat der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück über 100 persönliche Objekte aus ihrer Haftzeit im Außenlager Waldbau übergeben. Eines von ihnen, ein kleines rotes Poesiealbum, war ein Geschenk ihrer Freundin Květa Petřková – und ist heute ein Zeugnis ihrer Freundschaft während der gemeinsamen Haft.

„Miniatur-Poesiealbum“. Foto: MGR/SBG V2196 F2

„Miniatur-Poesiealbum“. Foto: MGR/SBG V2196 F2

„Má drahá Věrko! v tichosti, bez fanfár, beze slov a bez příležitosti dávám Ti dnes toto srdce, symbol své lásky a svého přátelství.“ /  „Meine liebe Věrka! in Stille, ohne Fanfaren, Worte und ohne Anlass, schenke ich Dir heute dieses Herz, ein Symbol meiner Liebe und Freundschaft.(1) – beginnt Květa Petřková ihre Verse an ihre Freundin Věra Vacková in dem kleinen herzförmigen Poesiealbum mit rotem Einband, auf den mit Tinte eine Blume und die Buchstaben „SH á J“ (SH und J) gezeichnet sind. Auf den ersten Blick erfahren wir nicht viel über die Freundschaft der beiden jungen Tschechinnen, die lieben Worte klingen zeitlos. Erst der Ort und die Zeit, zu denen die junge Frau diese Worte schrieb, – der 26.5.1944, in „Neu Brandenburg“-, machen das Poesiealbum zu einem Zeugnis der Freundschaft von Věra Vacková und Květa Petřková. Die beiden Frauen waren von Frühjahr 1944 bis zum Mai 1945 gemeinsam im KZ Außenlager Neubrandenburg (Waldbau) inhaftiert.

Das Poesiealbum ist eines von über 100 Objekten aus dem Besitz von Věra Vacková­- Žahourková aus ihrer Haftzeit, die sie 1997 an die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück übergeben hat. Welche Bedeutung das 4,1×4,5 Zentimeter kleine Album im Speziellen für sie hatte, wissen wir nicht. Als eines von mehreren Grußkarten, farbenfrohen Zeichnungen und Geschenken zeugt es aber von den Freundschaften zu anderen Frauen, die Věra Vacková­ in Haft knüpfte und pflegte. Květa Petřkovás Name taucht im Kontext verschiedener Objekte, Geschenke, Grußkarten und in Věra Vacková­s Adressbuch häufig auf. Nähern können wir uns Květa Petřková fast nur über ihr geschriebenes Wort an Věra Vacková­. Doch genau darin wird die große Bedeutung der Freundschaft für beide sichtbar und die verschiedenen Objekte bilden eine Chronologie der gemeinsamen Haftzeit.

„Doma bych ti dala divoký, rudý vlčí mák,“ / „Zu Hause schenkte ich Dir wilden roten Klatschmohn,“ – Das Zuhause der beiden Frauen, an das sich Květa Petřková hier erinnert, ist die Tschechoslowakei. Die Frauen teilen das Geburtsjahr 1925 – Květa stammt aus der großen christlich-orthodoxen Familie Petřek im mährischen Olomouc, Věra Vacková aus dem böhmischen Tábor. Die Verfolgungsgeschichten ihrer Familien beginnen in ebendieser Heimat und sind über den tschechischen Widerstand gegen die nationalsozialistische Besatzung miteinander verbunden. Květa Petřkovás älterer Bruder Vladimír war als Kaplan an dem wichtigsten Angriff des tschechischen Widerstands auf die deutschen Besatzer beteiligt, dem Attentat auf den Stellvertretenden Reichsprotektor Reinhard Heydrich. Beinah die gesamte Familie Petřek wird daraufhin verhaftet und deportiert. Auch Věra Vackovás Familie wird wegen Unterstützung der Widerstandgruppe Obrana národa (Nationalwehr) im Februar 1944 verhaftet.

„(…) dávám ti je bez slibů a bez přísah, bez pohnutí a vzlyků  ̶  jako jediný výraz všeho, co cítím.“ / „Ich schenke es Dir ohne Versprechen und ohne Schwur, ohne Rührung und ohne Schluchzen – als einzigen Ausdruck von allem, was ich fühle.“ Nach verschiedenen Haftstationen begegnen sich die Frauen wahrscheinlich im Frühjahr 1944 im KZ-Außenlager Neubrandenburg und knüpften rasch eine freundschaftliche Beziehung, wie etwa eine Karte zu Věra Vackovás 19. Geburtstag am 18.03.1944 mit Namen tschechischer Mithäftlinge nahelegt (2) Květa und ihre Schwestern Zdena, Jiřína und Věra Petřková erreichen Neubrandenburg bereits im August 1943 mit einem Transport aus dem Konzentrationslager Auschwitz. Věra Vacková und ihre Mutter Anna wurden schließlich am 25.01.1944 aus Theresienstadt über Leipzig nach Ravensbrück deportiert und dort unter der Häftlingsnummern 26600 und 26601 registriert.

Das Außenlager Neubrandenburg des Konzentrationslagers Ravensbrück entstand ab 1943 in Verbindung mit dem Rüstungsunternehmen Mechanische Werkstätten Neubrandenburg (MWN) und war mit ingesamt 7.000 Häftlingen das größte Außenlager Ravensbrücks. Beide Frauen waren vermutlich sowohl in den MWN in der Ihlenfelder Straße als auch ab Sommer 1944 in den unterirdischen Fabrik-und Lagerhallen des „Waldbaus“ zur Zwangsarbeit eingesetzt.

Eine Möglichkeit, in der diversen Häftlingsgemeinschaft Solidarität zu stiften und Abwechslung von der harten monotonen Arbeit zu schaffen, war die illegalisierte Wissensvermittlung, etwa durch Lesen, Schreiben oder Spielen, wie Rainer Szczesniak (3) in seiner Studie zum Außenlager Neubrandenburg schreibt. Věra Vacková hatte bereits während ihrer achtmonatigen Haft in der Kleinen Festung Theresienstadt durch Tätigkeiten für den tschechischen Widerstand, aber besonders auch gemeinsames Singen und Märchenerzählen in ihrer Zelle viele Beziehungen geknüpft. Dies wird besonders in ihren 1996 durch die Autorin Šárka Ratajková veröffentlichen Erinnerungen in den „Terezinské listy“ der Gedenkstätte Theresienstadt von 1996 deutlich (4). Auch unter den Schenkungen an die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück befinden sich diverse Zeugnisse von Freizeitaktivitäten, etwa Lieder, Tagebuchaufzeichnungen, Rezepte, fremdsprachliche Notizen und Schmuckobjekte.

Dass auch das Schenken eine große Rolle in den sozialen Beziehungen spielte, zeigen die zum Teil aufwendig mit Blumen verzierten und farbenfrohen Zeichnungen zum Geburtstag und Kunstobjekte wie die Holzschatulle (5), die Věra Vacková im Herbst 1944 von Květa Petřková geschenkt bekam.

Die überraschend große Anzahl an Objekten und die Tatsache, dass Věra Vacková sowohl in Theresienstadt als auch in Neubrandenburg aufgrund ihrer Deutschkenntnisse neben der harten körperlichen Arbeit an den Maschinen auch für Bürotätigkeiten eingesetzt war, legt nahe, dass sie auf diese Weise Materialien wie Papier und Stifte beschaffen konnte.

„Přijmi je, prosím, tak prosté a chude ale s věčným znamením mé neskonalé lásky.” Od Květy./ „Nimm es an, bitte, so einfach und kümmerlich, aber als ewiges Zeichen meiner unendlichen Liebe.“ Von Květa.Nach der Evakuierung des Lagers am 27.4.1945 wurden Věra Vacková und Květa Petřková zusammen mit ihren Angehörigen auf einen Todesmarsch geschickt. Věra und Anna Vacková gelang die Flucht. Auch Květa Petřková und ihre Schwestern überlebten den Todesmarsch.

Über den weiteren Verbleib von Květa Petřková ist nichts bekannt ist. Wenige Monate nach ihrer Rückkehr in die Tschechoslowakei schickte sie ein Porträtfoto von sich an ihre Freundin und schrieb dazu: „Své milované Věrce, s níž mě spoluutrpení spojilo v nejkrásnější a největší přátelství, dávám na památku své věrnosti. Květa.” / Für meine geliebte Verca, mit der mich das gemeinsame Leiden in der schönsten und höchsten Freundschaft verband, als Erinnerung meiner Treue.(6) Věra Vacková-Žahourková engagierte sich für verschiedene Verbände ehemaliger Häftlinge der Festung Theresienstadt. Sie starb am 13.06.2015.

Das Miniatur-Poesiealbum wurde 2013 restauriert und ist zurzeit in der Hauptausstellung der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück ausgestellt.

 

 

(1) – alle Übersetzungen stammen von der Autorin des Textes. Herzlichen Dank an Vlasta Řenčová für die Unterstützung während der Transkribierung des tschechischen Originaltextes des Objekts.
(2) Vgl. Objekt MGR V2754 F5
(3) Vgl. Szczesiak, Rainer: »Verflucht und doch beeindruckend«: Das KZ-Produktionslager »Waldbau«. Ein Tatort nationalsozialistischer Ausbeutung inhaftierter Frauen bei Neubrandenburg 1943/44-1945, Hamburg: 2019.
(4) Vgl. Ratajová, Šárka (1996): Očima vzpomínek – Bylo mi osmnáct, devatenáct a dvacet let (Ze vzpomínek Věry Vackové-Žahourkové), In: Terezínské listy – sborník Památníku Terezín Ústí nad Labem: Nakl. Oswald 24, (1996,) s. 106-118.
(5) Vgl. Objekt MGR V21989 D4
(6) Vgl. Objekt MGR V2761

 

„Miniatur-Poesiealbum“ | Papier, Tinte, Faden| 4,5 x 4,1 cm| MGR/SBG V2196 F2

Zur Autorin: Katharina Gloe ist Studentin des Masters Osteuropäische Kulturstudien an der Universität Potsdam. Ihr Interessensschwerpunkt liegt im Bereich Erinnerungskulturen im östlichen Europa und der öffentlichen Erinnerung an die Shoah in Polen. Sie ist als studentische Mitarbeiterin und ehrenamtliche Teamerin bei der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste tätig.

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