ObjektBiografie*18: „Kleine Tasche – großer Inhalt“

„Brustlederbeutel“, Foto: Erstdokumentation/Sachsenhausen/Inventarnummer 06.00052

„Brustlederbeutel“, Foto: GuMS/SBG. Inventarnummer 06.00052

Ein kleiner brauner Brustlederbeutel diente dem tschechischen Studenten Karel Hýbek während seiner Haft im KZ Sachsenhausen als Aufbewahrungsort von Fotos, Geld und einem Notizbuch.

„Wir haben eigentlich erst jetzt erfahren, dass wir in einem Konzentrationslager sind, was das bedeutet, was wir erwarten können und müssen. Es wurde uns gesagt, dass wir Staatsfeinde seien. Wir seien im Krieg und wir bleiben so lange hier, bis wir umgeschult seien.“(1)

Das Zitat stammt von dem tschechischen Studenten Karel Hýbek, der auch Besitzer des handtellergroßen braunen Lederbeutels war und 1939 in das Konzentrationslager Sachsenhausen inhaftiert wurde.

„Notizbuch“, Fotos: Erstdokumentation/Sachsenhausen/Inventarnummer 06.00053

„Notizbuch“, Fotos: GuMS/SBG. Inventarnummer 06.00053.

Auf dem mittlerweile stark beschädigten und nachgedunkelten braunen Leder des Brustbeutels ist auf der Rückseite die Häftlingsnummer und die Blocknummer von Karel Hýbek eingeprägt. Im Brustbeutel finden sich persönliche Habseligkeiten Hýbeks, die ebenfalls aufschlussreich sind. Während seiner Zwangsarbeit fertigte er ein 20-seitiges Notizbuch, von der Größe einer Zigarettenschachtel, an. Auf linierten Blättern, mit einem Faden gebunden und in der Mitte geknotet, hielt Hýbek unter anderem seine Häftlingsnummer, Lieder auf Deutsch, Eintragungen und Notizen auf Tschechisch, Zeichnungen und einen Lagergrundriss mit Buntstift fest.

Ebenso bewahrte er ein in der Schuhfabrik hergestelltes Lederetui mit Fotos von seinen Eltern, seiner Freundin sowie ein paar reichsdeutsche Geldmünzen darin auf.

„Lederetui mit Foto und Münzen“, Foto: GuMS/SBG.

„Lederetui mit Foto und Münzen“, Foto: GuMS/SBG.

Adress-, Lieder-, oder Erinnerungsbücher stellen im Konzentrationslager Sachsenhausen keine Seltenheit dar. Jedoch bleibt die spannende Frage offen, wie es Karel Hýbek und anderen Gefangenen möglich war kleine Bücher, und in Hýbeks Fall den Brustbeutel mit dem darin befindlichen Lederetui unbeschadet mit ins Lager bringen zu können, beziehungsweise ihn dort anzufertigen. Wie kam er an die Materialien und wie konnte er, in dem Zeitraum der Gefangenschaft, den Beutel und seinen Inhalt unbeschadet verstecken? Es kann angenommen werden, dass wenn der Brustbeutel schon mit ins Lager gebracht wurde, die Häftlings- und Blocknummer zumindest vor Ort oder nach der Haft eingeprägt wurden.

Wer aber ist die Person hinter dem von mir zu untersuchenden Gegenstand gewesen und unter welchen Gegebenheiten wurde er inhaftiert?

Die Besetzung des neuen Protektorats von Böhmen und Mähren war durch den Einmarsch der Wehrmacht im Jahr 1939 begleitet von Repressionen, Verhaftungen von Kommunisten, deutschen antifaschistischen Emigranten und Juden. Als neuer Bestandteil des Deutschen Reiches wurden so seit März 1939 tausende Personen in Konzentrationslager geschickt.

Als am 28. Oktober 1939 in Prag die Feierlichkeiten zum tschechoslowakischen Unabhängigkeitstages verboten wurden, gingen 60 000 Menschen gegen dieses Verbot auf die Straße. Mit Schusswaffengebrauch wurde seitens der deutschen Zivilpolizei versucht die Ansammlung im Stadtzentrum aufzulösen. Hierbei wurde der Student Jan Opletal angeschossen und erlag zwei Wochen später seinen Verletzungen. Darauffolgend werden Studentenwohnheime besetzt und am 17. November 1939 neun studentische „Rädelsführer“ hingerichtet. Weitere 1200 tschechische Studenten werden in das Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert und in vier Baracken aufgeteilt. Als im Januar 1940 unter den Häftlingen Scharlach ausbrach, verhängte die SS eine Quarantäne über die Baracken. Ab April 1940, mit dem Ende der Isolierung, wurden die Studenten ihren zukünftigen Zwangsarbeiten zugeteilt. Bis zu seiner Entlassung arbeitete Hýbek in der lagereigenen Schuhfabrik und im Klinkerwerk.

In dem Schriftenband „Vergessene Vernichtung“ beschreibt Hýbek die harte Arbeit folgendermaßen: „Die schlimmste Arbeit war im Klinkerwerk […], wo wir gezwungen waren […] fünfzig Kilo schwere Zementsäcke vom Schiff zum Lager zu tragen. […] Das war die schwerste Arbeit, die man sich vorstellen kann. [..] Das Kommando Klinkerwerk, das war wirklich das schwierigste und schlechteste, das war von allem Arbeitskommandos hier im Lager, war das das Gefürchtetste.“(2) Interventionen seitens Familienangehöriger an die Lagerleitung und an den tschechischen Staatspräsidenten, aber auch Feiertage wie der Geburtstag Hilters, hatten zur Folge das Hýbek am 20./21. Januar 1942 freigelassen wurde. Die anderen tschechischen Studenten kamen ebenfalls zwischen Anfang 1942 und März 1943 frei. Wegen der Arbeitspflicht unter dem weiter bestehenden Protektorat des Deutschen Reiches musste Hýbek bei seiner Rückkehr nach Prag in einem Versicherungsbüro arbeiten. Nach dem Kriegsende beendete er sein Studium im Jahr 1948. Fortan übte er einige Tätigkeiten an der Universität aus, um dann von 1952 bis 1989 im Forschungsinstitut für Eisenhüttenwesen in Prag zu arbeiten.(3) In Prag findet jährlich zur Erinnerung an die Verhaftung der tschechischen Studenten eine Gedenkveranstaltung statt. Am 17. November, dem Tag der Verhaftung, wird eine Gedenktafel aufgestellt mit der Inschrift: „Aus Willkür der deutschen Nationalsozialisten wurden mehr als 1200 Hochschulstudenten verhaftet und von der hiesigen Reithalle ins KZ Sachsenhausen transportiert. 9 wurden vor Ort erschossen und die tschechischen Hochschulen geschlossen.“(4)

Auf Grund der Corona-Pandemie war es mir leider nicht möglich eine fundierte wissenschaftliche Vor-Ort-Recherche zu machen. Die letzten Einträge zu den Objekten stammen aus den Jahren 2006 und 2009. Somit kann keine Auskunft gegeben werden in welchem Zustand sich die Objekte heute tatsächlich befinden. Sie werden jedoch schon in den letzten Einträgen als sehr beschädigt beschrieben. Es kann auch nicht schlüssig belegt werden, wie die Objekte in den Besitz der Gedenkstätte kamen. Es ist dokumentiert, dass der Brustbeutel eine Schenkung war und am 17. April 2005 überbracht wurde. In welcher Beziehung die Überbringerin zu Karel Hýbek stand, konnte bei der Herstellung dieses Blogeintrages nicht geklärt werden. Eine weiterführende Untersuchung, inwieweit das Objekt und sein Inhalt nach der Gefangenschaft weiter genutzt wurden, Querverweise zu ähnlichen Objekten, die Diversität von Fotos, Geld, Lesen und Musik im Lager sowie die beeindruckende Geschichte der polnischen und tschechischen gefangen genommenen Eliten bleiben weiterhin Forschungsdesiderat und eröffnen die Möglichkeit zu weitergehenden Forschungen.

Der zuerst unscheinbare Beutel, mit dem Fotos und dem Geld, stellt im Archiv des Lagers im Nachhinein einen bedeutenden Gegenstand dar. Das Tragen von persönlichen Dingen war den Häftlingen strikt untersagt. Wir können daher annehmen das Objekte wie dieses versteckt wurden. Die Angst und die Gefahr das ein Gegenstand entdeckt würde müssen allgegenwärtig gewesen sein. Die enorme persönliche Bedeutung Dinge aus einem Leben vor dem Konzentrationslager aufzubewahren und sie zu verbinden mit Liedern und Notizen innerhalb der Gefangenschaft überwog schlussendlich der Gefährdung und machten es Karel Hýbek eventuell möglich die grausame Zeit zu überstehen.

(1) Zitat von Karel Hýbek in: Günter-Morsch/Agnes-Ohm, Vergessene Vernichtung? Polnische und tschechische Angehörige der Intelligenz im Konzentrationslager Sachsenhausen zu Beginn des zweiten Weltkrieges, Hrsg.: Schriftenreihe der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten, Bd. 37., Berlin-2013, S., 189.
(2) Zitat von Karel Hýbek in: Morsch/Ohm, Vergessene Vernichtung, S., 174.
(3) Karel Hýbek nahm in den folgenden Jahren an einigen Vorträgen über seine Gefangenschaft und Freilassung teil. Siehe hierzu: Das Projekt Memory of Nations.
(4) Zitat aus dem Ausstellungstext „Vergessene Vernichtung“ in: Morsch/Ohm, Vergessene Vernichtung, S., 231.

 

Zur Autorin:
Mandy Schmoor studiert an der FU Berlin im Studiengang Public History. Im Rahmen ihres Studiums arbeitet sie zurzeit an einer digitalen Tagung über Erinnerungskonkurrenzen, durch die Kooperation mit der Landeshauptstadt, der Stiftung Gedenkstätte Lindenstraße und dem Leibniz-Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam, mit.

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