ObjektBiografie*17: „Und wenn wir marschieren“. Ein Lagerliederbuch aus dem KZ Sachsenhausen

Bei den sogenannten “Schallerabenden” trafen sich deutsche kommunistische Häftlinge und sangen – oft im Geheimen – ein breites Repertoire an Liedern. Viele dieser Lieder finden sich in den erhaltenen Lagerliederbüchern wieder, die heimlich angefertigt wurden.

 

Das schlichte Äußere des Buchs. Foto: GUMS/SBG Signatur [III 628

Das schlichte Äußere des Buchs. Foto: GUMS/SBG Signatur [III 628

Über Umwege landete das Buch „Und wenn wir marschieren“ im Depot der Gedenkstätte Sachsenhausen. Wem es einst gehörte, ist nicht bekannt. Der Name im Einband, Gerhard Zimmermann, lässt sich keinem Häftling aus Sachsenhausen zuordnen. Bekannt ist aber: Das Liederbuch ist frühestens 1942 entstanden und ein Häftling namens Tonski fand es in der Wäscherei des Lagers. Dabei handelte es sich wahrscheinlich um Karl Tonski, KPD-Mitglied aus Sachsen, der schon seit 1935 in Haft war und im Mai 1943 nach Sachsenhausen kam. Er gehörte zu den letzten kommunistischen Häftlingen im Lager. Diese übergaben das KZ Sachsenhausen nach der Befreiung im April 1945 an die Soldaten der Roten Armee. Seinen Fund übergab Tonski 1949 dem Leiter des Heimatmuseums Oranienburg. 1957 gelangte das Notizbuch in die Sammlung der entstehenden Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen. Die Informationen zum Liederbuch und zu Musik in Sachsenhausen stammen aus Dokumenten im Archiv der Gedenkstätte und Museum Sachsenhausen und den umfangreichen Forschungen der Historikerin Juliane Brauer, die 2009 unter dem Titel „Musik im Konzentrationslager Sachsenhausen“ erschienen sind. Das braun-beige, leicht glänzende Äußere des 15 cm großen Liederbuchs lässt kaum vermuten, welche bunte Vielfalt sich darin befindet: Zeichnungen von Blumen und Figuren, Ornamente und säuberlich notierte Liedtexte. Die teils aufwendigen Zeichnungen passen meist zum Liedtext auf der darauffolgenden Seite. Nur zwei Zeichnungen zeigen Szenen aus dem Lageralltag, die restlichen 37 bilden die unterschiedlichsten Szenen und Motive ab, passend zu den Liedtexten, die mit schwarzer Tinte meist auf der rechten Seite geschrieben sind. Bei genauerer Betrachtung des Buches lassen sich verschiedene Zeichen- und Schriftstile erkennen, was darauf schließen lässt, dass das Buch Ergebnis einer Gemeinschaftsarbeit ist. So muss dieses Liederbuch durch viele Hände gewandert sein. Die Zeichnungen sind zum Teil aufwendig und mehrfarbig gezeichnet. Dass einige von ihnen nur skizzenhaft und mit Bleistift erstellt sind, spricht dafür, dass es nicht fertig gestellt.  Die 71 Liedtexte gehören zum größten Teil zur Gruppe der Volks- und Landsknechtliedern. Es finden sich aber auch Arbeiterlieder, wie das titelgebende „Und wenn wir marschieren“, sowie Lieder, die in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern entstanden sind, wie das bekannte „Moorsoldatenlied“.

Seite des Liederbuchs

Die erste beschriebene Seite zeigt neben dem Titel des Liederbuchs auch eine schlichte Zeichnung des Lagertors. Foto: GUMS/SBG Signatur [III 628]

Doch was hat es mit dem Lagerliederbuch auf sich? Dieser Frage soll im Folgenden nachgegangen werden, beginnend mit einem Blick in die frühe Zeit des Konzentrationslagers Sachsenhausen.

An Weihnachten 1936 kehrte im Konzentrationslager ungewohnte Ruhe ein. Es ist arbeitsfrei für die Häftlinge, auf dem Appellplatz stellt die Lagerkommandantur Weihnachtsbäume auf. Weil die SS-Blockführer vermutlich mit den Vorbereitungen ihrer eigenen Weihnachtsfeiern abgelenkt sind, bietet sich für eine Gruppe kommunistischer Häftlinge eine Chance: Nach den schweren Monaten des Lageraufbaus treffen sie sich zum gemeinsamen Singen. Gesungen wird das vielfältige Repertoire, welches sich auch im Lagerliederbuch findet. Die Historikerin Juliane Brauer hat diese und viele weitere Informationen in ihrem Buch zusammegetragen. Als Grundlage dienten verschiedene Quellen, vor allem die Berichte von ehemaligen Häftlingen.

Die „Schallerabende“ wurden in den folgenden Jahren zum festen Bestandteil des Lageralltags der kommunistischen Häftlinge in Sachsenhausen. Sie dienten einerseits der Ablenkung und Unterhaltung und halfen den Männern dabei, den Terror des Lageralltags für wenige Momente zu vergessen. Andererseits hatten viele der Abende auch einen explizit politischen und konspirativen Charakter und fanden zum Beispiel an den Geburtstagen von Genossen oder zu Ehren von Held:innen wie Thälmann, Lenin, Liebknecht oder Luxemburg statt. Kennzeichnend bei dieser zweiten Art der „Schallerabende“ war, dass verbotene Lieder der Arbeiterbewegung gesungen wurden und auch schon mal andere laute Veranstaltungen – es wird zum Beispiel von einem Boxkampf berichtet – parallel stattfinden mussten, um die „Schallerabende“ zu tarnen. Gesang war sonst auf eine ganz andere Weise im Lageralltag präsent: Häufig gaben die Wächter den Befehl zum gemeinsamen Gesang auf dem Appellplatz oder während der Arbeit.

 

Die deutschen kommunistischen Häftlinge verfügten im Falle der Teilnehmer an den „Schallerabenden“ häufig noch über die psychischen und physischen Kräfte zum freiwilligen Singen. Einige Häftlinge aus dieser Häftlingsgruppe hatte häufig eine höhere soziale Stellung, die oftmals mit Positionen als Funktionshäftling und Privilegien verbunden war. Die kulturelle Prägung vieler kommunistischer Häftlinge – in der Arbeiterbewegung hatte das gemeinsame Singen seit jeher eine besondere gemeinschaftsstiftende Bedeutung – spiegelte sich in den Liedern wider, die an den Abenden gesungen wurden. Über ihre kulturellen Aktivitäten weiß man heute besonders viel, da sich die Musikwissenschaft in der DDR explizit mit dieser Häftlingsgruppe auseinandersetzte.

Das Liedrepertoire der deutschen Kommunisten ist vor allem durch die heimlich angefertigten Lagerliederbücher überliefert. Das erste dieser Bücher entstand im Januar 1940 als Gemeinschaftsproduktion einer Gruppe tschechischer Studenten. Unter diesen befanden sich einige Maler und Zeichner. Gegen Bezahlung ließ sich der Kommunist und Lagerälteste Harry Naujoks sein Lagerliederbuch illustrieren. Die Illustrationen stehen bei seinem Buch im Vordergrund, häufig sind die Lieder nur durch die Titel angedeutet. Es entstand also kein Gesangbuch für die „Schallerabende“, sondern vielmehr ein Produkt der kreativen Arbeit und ein Erinnerungsstück. Dieses erste Buch bewirkte, dass es bald kaum einen Lagerältesten in Sachsenhausen gab, der kein solches Buch besaß. Der Bestand an Lagerliederbüchern der deutschen kommunistischen Häftlinge ist heute nicht groß, einige Bücher sind erhalten, da zur Ausstattung des ehemaligen Lagermuseums, welches 1961 als Teil der neuen Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen öffnete, neben anderen Gegenständen aus der Haftzeit, auch einige handgeschriebene Liederbücher abgegeben wurden. Die DDR-Musikwissenschaftlerin Inge Lammel und Vertreter:innen des Komitees der Antifaschistischen Widerstandskämpfer recherchierten und fragten bei ehemaligen Häftlingen nach. So kam es dazu, dass insgesamt 17 solcher deutschsprachigen Lagerliederbücher aus Sachsenhausen heute bekannt sind.

Foto: GUMS/SBG Signatur [III 628]

Eine der aufwendiger gestalteten Doppelseiten zeigt passende Zeichnungen zum Liedtext. Zu erkennen ist auch die französische Übersetzung am oberen Rand der rechten Blattseite. Foto: GUMS/SBG Signatur [III 628]

Ein besonderes Merkmal, wodurch sich das Buch von den anderen unterscheidet, ist die Übersetzung des Großteils der Liedtitel. Kaum leserlich mit Bleistift verfasst, in französischer Sprache, neben dem deutschen Titel notiert. Da über die genaue Geschichte des Buches wenig bekannt ist, lässt sich nur vermuten, wofür diese Übersetzungen dienten. Hat jemand seine Französischkenntnisse erprobt? Oder wurde das Buch an einen französisch-sprachigen Häftling weitergegeben, der durch das erzwungene Singen im Lager vielleicht die Texte kannte, aber nicht wusste, welche Themen die Lieder eigentlich haben? Diese Fragen lassen sich an dieser Stelle nicht beantworten. Das Buch zeugt aber davon, dass eingeschränkte Formen der Gemeinschaftsarbeit und kulturellen Lebens in der sonst so lebensfeindlichen Atmosphäre eines Konzentrationslagers stattgefunden haben.

Literatur: Juliane Brauer: Musik im Konzentrationslager Sachsenhausen, Berlin 2009.
Zum Autor:
Paul Schmitz, Student der Public History in Berlin seit 2019. Seine Arbeits- und Interessengebiete liegen vor allem im Bereich der deutschen Zeitgeschichte und Erinnerungskultur. Er arbeitet als studentischer Mitarbeiter bei der Gedenkstätte Berliner Mauer und ist im Auftrag der Museen Tempelhof Schöneberg am Informationsort Schwerbelastungskörper als Guide tätig.

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