ObjektBiografie*13: Eine Fabel voller Fragezeichen

Büchlein. Foto: Louisa Clever (HTW). MGR/SBG V1025 F2

Büchlein. Foto: Louisa Clever (HTW). MGR/SBG V1025 F2

Ein kleines Büchlein mit einem rosafarbenen Tülleinband befindet sich seit 1959 in der Sammlung der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück. Wer hat es dort abgegeben? Und welche Geschichte erzählt es im Kontext des Konzentrationslagers? Viele Fragen lässt das Büchlein noch unbeantwortet – dennoch lohnt sich eine Spurensuche.

Bereits auf den ersten Blick fällt der ungewöhnlich gute Erhaltungszustand des kleinen Büchleins auf. Ebenso überrascht die hohe Kunstfertigkeit, mit der das Objekt hergestellt wurde. Der Einband besteht aus Pappe und ist mit einem rosafarbenen Tüll bespannt. Auf diesem Tüll sind zarte rosafarbene Blumenstickereien angebracht. Die sorgsame Gestaltung könnte darauf verweisen, dass das Objekt für jemanden als Geschenk gefertigt wurde. Es ist jedoch weder überliefert, durch wen das Objekt 1959 in die Sammlung gestiftet wurde, noch wer es hergestellt hat.

Selbst ob dieses Objekt überhaupt im Frauen-KZ Ravensbrück hergestellt wurde, lässt sich bisher nicht abschließend feststellen. In Ravensbrück gab es spätestens ab 1941 Werkstätten und Arbeitskommandos, in denen Häftlinge kunsthandwerkliche, künstlerische und zeichnerische Auftragsarbeiten für die SS anfertigen mussten. (verlinken: https://www.kz-artefakte.de/nur-spielzeug-und-strohschuhe-kunsthandwerkliche-produktion-im-kz-ravensbrueck/) Womöglich wurden Werkzeuge aus der eigenen Buchbinderei in Ravensbrück genutzt, um das Büchlein fachmännisch zu binden. Der Tüllstoff könnte aus der Privatschneiderei für die SS-Aufseherinnen entwendet worden sein. Verschiedene aus Ravensbrück überlieferte Objekte – etwa diverse Adressbücher – zeigen zudem, dass es im Lager durchaus möglich war an Papier und Schreibutensilien zu gelangen und im Verborgenen Objekte zu fertigen.

 

Foto: Louisa Clever (HTW). MGR/SBG V1025 F2

Foto: Louisa Clever (HTW). MGR/SBG V1025 F2

In dem Büchlein hat die unbekannte Verfasserin* die Fabel „Die Ameise und die Heuschrecke“ von Iwan Krylow mit einem Faserstift niedergeschrieben und die Handlung mit insgesamt sechs Buntstiftzeichnungen illustriert. Diese Zeichnungen sind mit großem Geschick angefertigt und verweisen zumindest auf eine künstlerische Begabung, könnten aber auch auf den beruflichen Hintergrund der Verfasserin hindeuten. Was kann uns ein Blick auf die Fabel selbst verraten? Die Verfasserin notiert folgende Erzählung:

Foto: Louisa Clever (HTW). MGR/SBG V1025 F2

Zeichnung: unbekannt. Foto: Louisa Clever (HTW). MGR/SBG V1025 F2

„Die Heuschrecke hatte den ganzen schönen Sommer lang gesungen und gesprungen.

Überrascht merkte sie plötzlich den Winter nahen. Kahl wurde das Feld, vorbei waren jene lichten Tage, als sie unter jedem Strauch ein Tischlein-deck-dich vorgefunden hatte. Alles war vorbei. Mit dem kalten Winter begann für sie auch die Hungersnot.  

Die Heuschricke singt schon nicht mehr. Wem würde es auch einfallen, mit leerem Magen zu singen.
Vom bittrem Kummer geplagt kommt sie zur Ameise gekrochen.
„Verlass mich nicht, lieber Gevatter, lass mich wieder zu Kräften kommen, ernähre und erwärme mich doch bis zum Herannahen der warmen Tage.“
„Gevatterin, das wundert mich sehr. Hast Du denn im Sommer nicht gearbeitet?“ – antwortet ihr die Ameise.
 „Danach stand mir garnicht der Sinn. Bei uns auf dem weichen Rasen gab’s nur Lieder und Frohsinn zu jeder Stunde, so dass es mir ganz den Kopf verdreht hatte. Und Du? Ich habe besinnungslos der ganzen Sommer über gesungen.“  
„Also Du hast nichts als gesungen – schön jetzt geh und Tanze mal.“

 

Nach klassischem Verständnis soll eine Fabel belehren und unterhalten: „fabula docet et delectat“. Angesichts der vielen noch unbeantworteten Forschungsfragen ist mit Interpretationen dieser Fabel zwar behutsam umzugehen, dennoch stellt sich die Frage nach der Lehre, die die Erzählung der Fabel im KZ Ravensbrück vermittelt haben könnte. Zunächst scheint die Fabel als Mahnung zur Arbeitsamkeit, Sparsamkeit und Vorsorge zu dienen. Die Moral wird aber oft auch so interpretiert, dass dies zwar wichtige Tugenden sind, aber auch die Kunst – hier in der Figur der Heuschrecke repräsentiert – in der Gesellschaft eine Berechtigung hat. Diese Moral wird durch das Stilmittel der Übertreibung transportiert.

Auf diese Weise hat auch Berthold Brecht die Fabel interpretiert und 1950 in einem eigenen Gedicht weiterbearbeitet. In dem Kinderlied „Die Vögel warten im Winter vor dem Fenster“ schreibt er beispielsweise in der dritten Strophe:

„Ich bin die Amsel.
Kinder, ich bin am Ende.
Und ich war es, die den ganzen Sommer lang
Früh im Dämmergrau in Nachbars Garten sang.
Bitte um eine kleine Spende.
Amsel, komm nach vorn.
Amsel, hier ist dein Korn.
Und besten Dank für die Arbeit!“
Im Kontext des Konzentrationslagers wäre diese Auslegung plausibel. Eine Bekräftigung der Daseinsberechtigung der Kunst, wie sie sich in der Erzählung der Fabel wiederfindet, konnte für Häftlinge eine Erinnerung an die Zivilisation darstellen. Und nicht nur die Moral dieser Fabel im Speziellen, sondern auch das Erzählen von Fabeln im Allgemeinen hätte es wohl ermöglicht an die Welt außerhalb des Lagers zu erinnern. Das Festhalten an Kunst und Kultur im Konzentrationslager konnte damit als Strategie für die Häftlinge dienen, um sich aus dem Lageralltag zu flüchten und sich bewusst von den brutalen, unzivilisierten Täter/innen zu distanzieren.

Bei einem Blick in das Büchlein wirft noch ein anderes Detail Fragen auf. Die Verfasserin ordnet die Fabel dem bekannten russischen Fabeldichter Iwan Krylow (1769-1844) zu, obwohl es andere Versionen dieser Fabel von Jean de La Fontaine (1621-1695) oder dem antiken griechischen Dichter Äsop (6. Jahrhundert v. Chr.) gibt, die im deutschsprachigen Raum sehr verbreitet sind. Interessanterweise weicht die Verfasserin in ihrer Nacherzählung von Krylows Version allerdings etwas ab, denn in Krylows Version taucht statt einer Heuschrecke eigentlich eine Libelle auf. Warum die Verfasserin trotzdem gerade Krylow als Autoren der Fabel angibt, bleibt spekulativ. Dies könnte aber für auf eine biographische Nähe der Verfasserin zu Russland oder zu russischer Literatur sprechen. In Ravensbrück saßen zahlreiche politische Häftlinge ein, darunter auch viele Kommunistinnen, die womöglich mit russischer Fabeldichtung besonders vertraut waren. Die Datenbank der Gedenkstätte Ravensbrück vermerkt, dass das Büchlein im Ausstellungsraum Österreich ausgestellt wurde – womöglich war die Verfasserin also Teil der Gruppe der österreichischen Kommunistinnen? Auch hier gilt jedoch: Solange die Herkunft des Objektes ungeklärt ist, lassen sich über die Geschichte des Büchleins nur Vermutungen anstellen.

 

 

Zur Autorin:
Sophie Lutz studierte Geschichte und Französisch in Erlangen, Freiburg und Paris. Derzeit studiert sie im Master Public History an der Freien Universität Berlin. Zusätzlich arbeitet sie als studentische Mitarbeiterin in der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit bei Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V..

 

* Im Sinne der besseren Lesbarkeit wird hier nur die weibliche Form angegeben. Möglich wäre jedoch auch, dass das Objekt von einem Mann oder von mehreren Verfasser/innen gefertigt worden ist – dies ist aufgrund der ungeklärten Objektherkunft nicht abschließend zu beantworten.

 

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