ObjektBiografie*8: Geburtstag im Konzentrationslager Ravensbrück?

Die deutsche Kommunistin Maria Krüger verbrachte ihren Geburtstag im Konzentrationslager Ravensbrück. Heute gibt es von dem Tag noch eine Glückwunschkarte, die von Freundschaft und Identität erzählt.

„Geburtstagskarte“, Foto: MGR/SBG V 977 F3

„Geburtstagskarte“, Foto: MGR/SBG V 977 F3

Es ist der 15. April 1945. Maria Krüger, auch Mizzi oder Mieze genannt, wird 49 Jahre alt. Zu ihrem Geburtstag schenken ihre Freundinnen ihr eine selbst gebastelte Glückwunschkarte. Dies wäre an sich keine ungewöhnliche Szene, doch Mizzi ist zum Zeitpunkt ihres Geburtstags im Konzentrationslager Ravensbrück inhaftiert.

Auf die circa 10 x 10 cm große Karte wurde ein kleines Gedicht geschrieben, das aus drei Strophen besteht:

„Zum Geburtstag! // Hallo, was gibt¢ s hier? //Geburtstag im Lager! // Na ich sag¢ dir, gar nicht so mager! // Brot, Butter und Wurst und vieles mehr // auch was für den Durst // des Magens begehr. // All¢ diese Gaben // bescheiden und klein // sollen Dir sagen // unser Herz das ist Dein!“

Das Gedicht ist durch drei kleine Zeichnungen ausgeschmückt. In der ersten Zeichnung ist eine im Kreis stehende Gruppe fünf junger Frauen gemalt, eine der Frauen hält einen Blumenstrauß hinter dem Rücken versteckt. Die Frauen tragen Röcke und offene Haare. Die zweite Zeichnung besteht aus einem gedeckten Tisch. Auf diesem sind die im Gedicht genannten Lebensmittel Brot, Butter und Wurst serviert. Zusätzlich sind ein Marmeladenglas und eine Kaffeetasse angedeutet. Die dritte Zeichnung zeigt vier Hände, die einer Frau ein Herz überreichen.

Die Beschenkte Maria Krüger war eine deutsche Kommunistin. Krüger wurde 1896 in Teltow geboren und lebte im September 1944, dem Zeitpunkt ihrer Verhaftung, in Berlin. Am

  1. Dezember 1944 wurde sie nach Ravensbrück deportiert, wo als politische Inhaftierte in unterschiedlichen Kommandos arbeiten musste, unter anderem in der Wäschekammer und im Küchenkeller.

Dass Geburtstage im Lager gefeiert oder zumindest erinnert wurden, mag angesichts der lebensfeindlichen Umgebung auf den ersten Blick erstaunen. Anlässlich ihres Geburtstags erhielt Krüger jedoch mindestens drei Glückwunschkarten, darunter eine Einladung zu einer kleinen Feier. Diese Karten werden heute im Depot der Gedenkstätte Ravensbrück aufbewahrt.

Wie kam es, dass Maria Krüger, die erst seit knapp vier Monaten in Ravensbrück inhaftiert war, schon eine scheinbar große Anzahl an Freundinnen hatte? In der Geschichtswissenschaft wird das Konzept von „Freundschaft“ im Lagerkontext viel diskutiert. Historiker*innen vermuten, dass Freundschaft nicht in der Form, wie wir sie heutzutage verstehen, im Konzentrationslager existierte. Es ist eher von Zweckbeziehungen auszugehen. Das bedeutet, dass die Inhaftierten Kontakte zu anderen Inhaftierten suchten, in der Hoffnung, durch die Partnerschaft eine bessere Überlebenschance zu haben. Zur Aufrechterhaltung und Stärkung dieser Beziehungen dienten häufig kleine Geschenke.

War dies auch bei Maria Krüger der Fall? Was verrät uns die Geburtstagskarte über die Beziehung der Frauen? Zunächst lässt sich vermuten, dass die Karte von mehreren Frauen verschenkt wurde. Dies wird dadurch deutlich, dass im Gedicht die Formulierung „unser Herz“ gewählt wurde und auch in den Zeichnungen eine Gruppe von Frauen zu sehen ist. Die Geburtstagskarte wirkt außerdem sehr persönlich. Sowohl im Gedicht als auch in der Zeichnung kommt eine Herzsymbolik vor. Herzen stehen im Allgemeinen für Liebe und Freundschaft, weshalb die Verwendung dieses Bild- und Schriftzeichens ein Hinweis auf die gute Beziehung zwischen den Frauen ist. Auch der Text wirkt sehr freundschaftlich. Es scheint, als waren die Frauen bemüht, Maria Krüger trotz der Haft im Konzentrationslager, einen schönen Geburtstag zu bescheren. Wer könnten diese kleine Gruppe von Frauen gewesen sein? Einen Antwort auf diese Frage bietet Maria Krügers Haftgrund, denn sie wurde aus politischen Gründen inhaftiert. Da in Ravensbrück viele kommunistische Häftlinge waren, ist es möglich, dass sie einige ihrer Mithäftlinge schon vor dem Lager kannte. Die gemeinsame politische Gesinnung erleichterte ihr es zudem, Zusammenhalt in den Reihen der anderen politischen Häftlinge zu finden. Wer genau die Frauen waren, wissen wir heute nicht. Es ist aber gut möglich, dass diese Karte von anderen politischen Häftlingen hergestellt oder in Auftrag gegeben wurde.

Seit dem 19. Jahrhundert ist es üblich, zu Neujahr oder zu Geburtstagen Glückwunschkarten zu verschenken. Zu diesem Zeitpunkt begann die industrielle Herstellung von Karten, wodurch eine neue Art des Schenkens etabliert wurde. Häufig wurden kleine Gedichte auf die Karten geschrieben. Diese Konvention wurde – wie in Maria Krügers Fall – auch im Konzentrationslager aufrechterhalten. Es wurde eine Tradition aus dem früheren Leben gepflegt, was als Faktor der Bewahrung der eigenen Identität interpretiert werden kann.

Als identitätsbewahrende Strategie gilt auch die Zeichnung der Personen. Die Frauen auf der Karte sind nicht in den Häftlingsanzügen, sondern in ziviler Kleidung gezeichnet worden. Diese Form der Selbstdarstellung ist ein Ausdruck des Wunsches der Frauen nach Individualität und Freiheit, die sich selbst nicht in die Rolle als KZ-Häftlinge ergeben wollen.

Interessant an der Karte ist, dass sich auf der Rückseite ein Aufsteller befindet. Dies spricht dafür, dass der Karte auch eine längerfristige Funktion als Erinnerungs- oder Dekorationsobjekt zugedacht war. Ob Maria Krüger die Karte tatsächlich aufstellte oder ob sie sie versteckte, ist leider nicht bekannt. Da es im Lager nicht erlaubt war, Dinge zu besitzen, kann die Aufbewahrung der Karte als ein Akt des Widerstandes verstanden werden.

Nach dem Krieg lebte Maria Krüger in der DDR. Am 16. Oktober 1958 erreichte die Karte die im Aufbau befindliche Gedenkstätte Ravensbrück. Da die Karte von Maria Krüger selbst gestiftet wurde, kann davon ausgegangen werden, dass sie die Karte aus dem Lager mitnahm und bis 1958 behielt. 1959 sollte eine erste Ausstellung im ehemaligen Zellenbau eröffnen, weshalb Überlebende dazu aufgerufen waren, Objekte aus ihrer Haftzeit für die Ausstellung zu stiften. Es ist anzunehmen, dass Mizzi Krüger jenem Aufruf folgte. Krüger engagierte sich aktiv im Ravensbrück-Komitee, einer Vereinigung ehemaliger inhaftierter Frauen. Die Kontakte, die sie im Lager mit den politisch inhaftierten Frauen knüpfte, führte sie somit auch nach der Befreiung zum Teil weiter.

 

„Geburtstagskarte“ | Papier, Stifte  | 10,6×9,7 cm | Foto: MGR/SBG V977 F3 

 

Zur Autorin:
Annika Finken studiert im Master Public History an der FU. Sie beschäftigt sich dabei mit jüdischer Geschichte und arbeitet als wissenschaftliche Hilfskraft im Institut für Zeitgeschichte in Berlin.

 

 

 

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